Aus dem Print-Magazin

„Die Kuh kann das besser als der Mensch“

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„Die Kuh kann das besser als der Mensch“

Anders als auf den meisten Höfen wachsen die Kälber bei Familie Köhler bei Ammenkühen auf. Für den Betrieb, der seine Tiere auch nach den Richtlinien der Premiumstufe des Tierschutzlabels „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes hält, ist das kein Experiment, sondern ein bewusster Entschluss.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Johannes und Evelyn Köhler bieten ihren Kühen unter anderem ganzjährigen Auslauf.

Die ersten Lebenswochen eines Kalbes tragen wesentlich dazu bei, wie gesund und widerstandsfähig es in sein Leben startet. Auch auf sein Verhalten wirken sie sich maßgeblich aus. In der konventionellen Milchviehhaltung werden Kälber in der Regel direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt. Statt ihre Nähe suchen zu können, von ihr zu lernen und die Milch direkt von ihr zu bekommen, erhalten sie diese über einen Tränkeautomaten oder Eimer und wachsen ohne erwachsenes Vorbild auf. Dass es auch anders geht, zeigt der Betrieb Köhler in Betzenstein im Landkreis Bayreuth, der seit 2017 nach den Richtlinien der Premiumstufe des Tierschutzlabels „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes zertifiziert ist. Dadurch bietet er seinen Tieren nicht nur unter anderem weit mehr Platz als gesetzlich erforderlich, sondern auch ganzjährigen Auslauf, mehrere Bereiche zum Liegen, Laufen und Fressen sowie Scheuerbürsten. Denn zusätzlich zur Teilnahme im Tierschutzlabelprogramm haben Johannes und Evelyn Köhler auf die ammengebundene Kälberaufzucht umgestellt. Sie setzen „Ersatz-Mütter“ ein, die einerseits ihr eigenes Kalb aufziehen, aber sich gleichzeitig auch um Kälber anderer Kühe kümmern. In insgesamt drei Altersgruppen leben jeweils vier Ammenkühe in der Regel für zwölf bis 14 Wochen mit wiederum vier Kälbern zusammen. Theoretisch wäre Platz für eine fünfte Amme vorhanden, doch in der kleineren Besetzung leben die Tiere ruhiger und harmonischer miteinander, weshalb die Köhlers sich dafür entschieden haben. Mit Fingerspitzengefühl setzen sie die Gruppen zusammen. „Idealerweise bleibt das zuletzt geborene Kalb bei seiner Mutter und wird durch drei weitere, kurz zuvor geborene Kälber ergänzt“, so Johannes Köhler. „Sollte eine Gruppe unausgeglichen sein und ein Tier bei der Suche nach Milch zu kurz kommen, reagieren wir flexibel und lassen das Kalb länger bei der Amme oder binden es in eine jüngere Gruppe ein.“

Zwölf bis 14 Wochen bleiben die Kälber bei den Ammentieren, die sich jeweils um ein eigenes und drei fremde Jungtiere kümmern.

Neubau für natürlicheres Verhalten

„Ammenkühe einzusetzen war für uns kein spontaner Entschluss, sondern das Ergebnis eines längeren Entwicklungsprozesses – getragen von eigenen Überzeugungen, praktischen Erfahrungen und dem intensiven Austausch mit Berufskolleg*innen, die diesen Weg bereits gegangen sind“, sagt Köhler. Der Betrieb hält rund 160 Kühe sowie deren Kälber und weibliche Jungtiere. 2023 haben sie jeweils einen neuen Kuh- und einen Kälberstall fertiggestellt. Dort haben die Kühe ganzjährig Zugang zu einem großzügigen Laufhof und können im Sommer zusätzlich angrenzende Weideflächen nutzen. Auch die Kälber haben mehr Platz als in konventionellen Betrieben. Sie können jederzeit in einen überdachten, eingestreuten Außenbereich und sollen perspektivisch Zugang zur Weide erhalten. „Wir haben schon im alten Stall in kleinerem Umfang mit ammengebundener Aufzucht gearbeitet. Als der Neubau konkret wurde, haben wir die Kälberhaltung grundlegend neu geplant“, sagt der Betriebsleiter. Im Fokus stand dabei die Frage: Wie lässt sich das natürliche Verhalten von Kuh und Kalb bestmöglich berücksichtigen? „Dabei wuchs die Überzeugung, dass die Kuh viele Aufgaben – etwa die Kälber zu versorgen, zu prägen und zu sozialisieren – besser übernehmen kann als der Mensch.“

Auch männliche Kälber bei Ammen

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Vor dem Neubau war die konventionelle Aufzucht, bei der die Kälber in Einzeliglus und mit Tränkeautomaten gehalten und mit hohem Arbeitsaufwand betreut wurden, zunehmend an ihre Grenzen gestoßen. „Der Betrieb hat den neuen Kälberstall daher von Anfang an konsequent auf die Bedürfnisse von Kuh und Kalb ausgerichtet. Angepasste Spaltenmaße, Fressgitter, Kälberschlupfe und großzügige Tiefstreubereiche ermöglichen einen engen und sicheren Kontakt zwischen Ammen und Kälbern, eine individuelle Fütterung und eine optimale Entwicklung der Kälber“, erläutert Lea Scheef, Beraterin für Rinderhaltung beim Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes. Der Betrieb zieht alle Kälber mit Ammen auf – auch die männlichen. Sie werden erst verkauft, wenn sie keine Milch mehr bekommen. „Das schränkt zwar die Vermarktungswege ein, ist aus unserer Sicht jedoch ein konsequenter Schritt im Sinne der Tiere. Am liebsten würden wir die Bullen künftig selbst aufziehen, um ein vollständig geschlossenes System zu etablieren“, sagt Köhler.

Gesündere Kühe, weniger Arbeit

Für den Betrieb hat sich die Umstellung bereits gelohnt. Die Kälber entwickeln sich besser und sind gesünder. „Selbst bei gesundheitlichen Problemen trinken sie weiter bei der Amme. Sie sind insgesamt robust und widerstandsfähig“, merkt Scheef an. Auch ihr Verhalten ist anders, wie die Beraterin beobachtet: „Die Kälber wachsen auf dem Betrieb von Anfang an in der Gruppe auf, spielen früh, liegen viel beieinander und entwickeln ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Der ständige Kontakt zu erwachsenen Kühen hilft ihnen, deren Signale zu verstehen und sich sicher im sozialen Gefüge zu bewegen.“ Das gegenseitige Besaugen – ein häufiges Problem in der konventionellen Aufzucht – tritt deutlich seltener auf. Und auch wirtschaftlich hat sich der Weg zu einer tiergerechteren Haltung nicht negativ ausgewirkt. „Wir verkaufen durch die fehlende Milch der Ammen zwar insgesamt weniger, haben aber deutlich weniger Arbeitsaufwand. Wir müssen keine Tränken füllen, keine Iglus reinigen und kaum noch aufwendige Einzelkontrollen durchführen“, berichtet Köhler. Er empfiehlt die Umstellung auch anderen Betrieben, betont aber, dass es „entscheidend ist, dass Konzept von Anfang an mitzudenken und baulich zu berücksichtigen. Große, gut angepasste Abkalbebuchten spielen eine zentrale Rolle, ebenso ein geschultes ‚Auge für Kuh und Kalb‘“. Dieser Ansatz überzeugte auch das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus, das den Köhlers 2024 den Bayerischen Tierwohlpreis verliehen hat. „Der Betrieb macht deutlich, welches Potenzial in der ammengebundenen Kälberaufzucht steckt: mehr Nähe zwischen Kuh und Kalb, gesunde und sozial kompetente Kälber – und eine spürbare Entlastung im Arbeitsalltag“, sagt Scheef. Ein Beispiel dafür, wie konsequente Verbesserungen des Tierschutzes in der Landwirtschaft am Ende Tier und Mensch zugutekommen.

Weiterführende Informationen

  • Erfahren Sie mehr über das Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes.
    tierschutzlabel.info