Der Schein trügt

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Der Schein trügt

Grüne Wiesen, Sonnenschein und glückliche Kühe – das verspricht die Werbung der Milchindustrie. Von solch einem Leben können die meisten Milchkühe in Deutschland nur träumen.

  • Autor: Verena Jungbluth, Referentin in der Redaktion von DU UND DAS TIER

Ein Liter Milch kostet im Supermarkt etwa 55 Cent. Wenn ein Landwirt auf jeden Liter Milch draufzahlen muss, bleibt auch der Tierschutz auf der Strecke. Durch den Wegfall der Milchquote spitzt sich die Situation seit letztem Jahr noch zu: Landwirte können jetzt grenzenlose Massen produzieren. Um auf dem internationalen Markt bestehen zu können, auf dem Milch für Billigpreise verramscht wird, müssen sie dies auch tun. Die Milchleistung der Kühe gewinnt noch mehr an Bedeutung und das einzelne Tier ist weniger wert denn je.

Den hohen Preis bezahlen die Kühe

Für ein besseres Leben

Katrin Pichl, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund, erläutert, was aus Tierschutzsicht nötig ist, um den Milchkühen ein besseres Leben zu ermöglichen. Lesen

Durch die Hochleistungszucht geben Milchkühe heute bis zu über 50 Liter Milch am Tag. Das ist fast doppelt so viel wie vor 40 Jahren. Selbst der Traum einer „100.000 Liter-Kuh“ ist für manch einen Züchter schon in Erfüllung gegangen. Sie ehren und feiern den „erlauchten Kreis“ der Kühe, die diese Lebensleistung erbracht haben. Aus Tierschutzsicht ist dies eine sehr traurige Feier. Denn die einseitige Zucht auf Milchleistung hat für die Tiere fatale Folgen.

Die heutigen Hochleistungskühe sind so überzüchtet, dass sie mehr Milch geben, als ihr Körper eigentlich schafft. Besonders in der Phase der höchsten Milchabgabe verbrauchen sie mehr Energie, als sie durch natürliches Futter aufnehmen können. „Um diese durch die Zucht schon regelrecht vorprogrammierte negative Energiebilanz auszugleichen, müssten die Kühe den ganzen Tag Kraftfutter fressen. Das ist aber nicht wiederkäuergerecht; die Mägen und das Verdauungssystem sind dafür nicht ausgelegt. Stoffwechselstörungen, Beeinträchtigungen des Immunsystems und der Fruchtbarkeit und Erkrankungen der Klauen sind die Folge“, so Katrin Pichl, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund.

Die Infografik verdeutlicht einige Auswirkungen der heutigen Hochleistungszucht und Intensivtierhaltung auf die Milchkühe.

Zusätzlich zu der reinen Futtermenge versuchen die Landwirte, den Energieverlust durch streng berechnete Rationen und die Zugabe von Nährstoffergänzungen auszugleichen. Die grüne Wiese auf der Milchpackung bekommen die meisten von ihnen daher nie zu sehen. Eine tiergerechte Weidehaltung würde die Anstrengungen der höchst anspruchsvollen Fütterung zunichtemachen. Das Grünfutter kann den Nährstoffbedarf einer Hochleistungskuh kaum decken. In der konventionellen Haltung leben daher viel zu viele Kühe auf zu engem Raum. Sie können nicht bequem liegen und die harten und oft verschmutzten Böden können Verletzungen an den Gelenken und Klauen verursachen. Zusätzlich kommt es zu Reibereien, da es oft nicht genügend Liegeboxen und Futterstellen für alle gibt.

Kühe werden schmerzhaft an die Haltung angepasst

Enthornen eines Kalbes. Für die Tiere ist dies äußerst schmerzhaft.

Enthornen eines Kalbes. Für die Tiere ist dies äußerst schmerzhaft.

Um zu verhindern, dass die Kühe den Menschen oder sich gegenseitig verletzen, werden sie enthornt. Bei Kälbern darf dies laut Tierschutzgesetz bis zur sechsten Lebenswoche ohne Betäubung geschehen. Der Landwirt brennt dem Kalb die Hornanlage aus. Da die Hornknospe und die darunterliegenden Hautschichten gut durchblutet und mit Nerven durchzogen sind, ist dies für die Tiere äußerst schmerzhaft.

Seit 2015 sind in einigen Bundesländern lediglich ein Beruhigungsmittel und ein leichtes Schmerzmedikament Pflicht. Das reicht jedoch nicht aus. Bei älteren Tieren sägen die Landwirte die Hörner zwar unter Betäubung ab, der Heilungsprozess verläuft aber langsam und unter Schmerzen; die geöffneten Stirnhöhlen entzünden sich schnell. Da Kühe außerdem mit ihren Hörnern kommunizieren, ist das Sozialverhalten der Tiere oft noch nach Wochen gestört.

30 bis 40 Prozent der Milchkühe in Deutschland leben in Anbindehaltung – und das oft ganzjährig. Die Kühe stehen tagein, tagaus auf demselben Platz und können sich lediglich hinlegen. Bewegung, Körperpflege und soziale Kontakte sind Fehlanzeige. „Viele Milchkühe müssen angebunden ihr Kalb zur Welt bringen. Dies widerspricht völlig dem natürlichen Geburtsverhalten der Kuh, die sich in der Natur vor der Geburt von der Herde separiert und sich währenddessen viel bewegen will“, so Pichl.

Doch damit nicht genug. Über den Kühen hängt noch in manchen Ställen ein sogenannter Kuhtrainer. Um die Tiere dazu zu bewegen, einen Schritt zurückzutreten und in die dafür vorgesehene Rinne zu koten, erhalten sie, wenn sie den Rücken krümmen, einen Stromschlag. Aktuell hat sich der Bundesrat für ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung in Deutschland ausgesprochen. Der Deutsche Tierschutzbund fordert nun die Bundesregierung dazu auf, dem Verbot ebenfalls zuzustimmen.

Ausgenutzt und geschlachtet

Hochleistungskühe werden tagtäglich gemolken. Das Wohl der Tiere bleibt dabei oft auf der Strecke.

Hochleistungskühe werden tagtäglich gemolken. Das Wohl der Tiere bleibt dabei oft auf der Strecke.

Neben der Milchleistung belasten die Geburten die Kühe erheblich. Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie regelmäßig kalben und wird dafür jedes Jahr künstlich besamt. Die Milchabgabe und die anstrengende Geburt führen bei sehr vielen Kühen zu Calciummangel. Gemeinsam mit der fehlenden Kraft führt dies oft dazu, dass die Kühe nicht mehr aufstehen können. Es ist sehr aufwendig, diese festliegenden Kühe zu retten: Sie müssen Infusionen mit Mineralstoffen, Zucker und Vitaminen erhalten. Wenn die Kuh danach immer noch nicht aufstehen kann, muss der Landwirt sie bis zu sechsmal täglich hin- und herwälzen, weil das Gewebe in den Beinen sonst nicht mehr durchblutet wird. Da Geld und Zeit fehlen, lohnt sich der Aufwand nicht bei jeder Kuh. Auch wenn es in Deutschland verboten ist, Tiere zu transportieren, die nicht laufen können, werden immer wieder festliegende Kühe zum Schlachthof gebracht. Für das Leid dieser Tiere fehlen die Worte.

Trotz aller Bemühungen, die Hochleistungskühe mit energiereichem Futter und der ganzjährigen Stallhaltung gesund zu halten, sind sie nach kurzer Zeit vollkommen ausgemergelt. Mit der zuchtbedingten gestiegenen Milchleistung und dem erhöhten Krankheitsrisiko ist die Lebenserwartung gesunken. Viele von ihnen landen schon nach zwei oder drei Jahren beim Schlachter – sie sind wirtschaftlich nicht mehr rentabel. So werden alleine in Deutschland jährlich über eine Million Milchkühe geschlachtet.

Wissenschaftlichen Studien zufolge ist davon auszugehen, dass circa zehn Prozent dieser Kühe dabei trächtig sind; der Großteil im mittleren bis letzten Trächtigkeitsstadium. Die Kälbchen werden im Schlachthof mitsamt den Eingeweiden als Müll entsorgt. Sind sie zu der Zeit bereits lebensfähig, ersticken sie nach der Betäubung des Muttertieres elendig in der Gebärmutter. Und all das wird manchmal bewusst in Kauf genommen.

Das Schicksal der Kälber

Die Kälber leben direkt nach der Geburt isoliert von ihren Müttern und Artgenossen.

Die Kälber leben direkt nach der Geburt isoliert von ihren Müttern und Artgenossen.

Die Kälber, die zur Welt kommen, werden sofort von der Mutter getrennt und hauptsächlich mit Milchaustauschern aufgezogen. Nur so steht die Milch den Menschen zur Verfügung. „Da Kühe eine starke Bindung zu ihren Kälbern haben, greift die Trennung stark in das Sozialverhalten ein. Noch tagelang kann man Kälber und Mutterkühe nacheinander rufen hören“, so Pichl. Die Kälber leben direkt nach der Geburt alleine in sogenannten Kälberiglus- oder -boxen. Für eine bestimmte Zeit sind sie so von der Mutter und den Artgenossen isoliert und lernen keinerlei soziales Verhalten. Durch das Tränken mit Eimern oder Automaten bleibt der Saugtrieb unbefriedigt und die Kälber erkranken.

Bei bestimmten milchbetonten Rassen, gerade bei den schwarzbunten Kühen, gibt es ein weiteres Tierschutzproblem: Während die weiblichen Tiere der Milchgewinnung dienen, gelten die männlichen Kälber als Abfallprodukt. Sie setzen zu wenig Fleisch an und sind praktisch wertlos – ihre Aufzucht lohnt sich nicht. Über die Anzahl der männlichen Kälber, die sofort getötet oder einfach ihrem Schicksal überlassen werden, gibt es keine genauen Zahlen. Aber ein hohes Alter erreichen die meisten nicht.

All das ist alltäglich in der landwirtschaftlichen Intensivtierhaltung. Neben dem Gesetzgeber, dem Handel und den Landwirten ist auch der Verbraucher dazu aufgefordert, das zu ändern. Der Deutsche Tierschutzbund kämpft schon seit Jahren für mehr Tierschutz in der Landwirtschaft und zeigt mit seinem Tierschutzlabel, dass dies auch möglich ist. Noch im Herbst dieses Jahres wird das Tierschutzlabel auf Milchkühe ausgeweitet. Zusätzlich bietet der Markt leckere pflanzliche Alternativen zu Milch, Joghurt, Quark und Co. Ein Blick in das Supermarktregal lohnt sich.

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