Aus dem Print-Magazin

Nachtaktive Kletterkünstler

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Nachtaktive Kletterkünstler

Chinchillas sind überaus liebenswerte, neugierige Tiere und leben hierzulande in zahlreichen Haushalten. Doch nicht selten landen sie in Tierheimen – für die Einrichtungen bedeutet die Unterbringung und Versorgung dieser nachtaktiven Nager eine große Herausforderung.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Chinchillas haben große Knopfaugen, ein flauschiges Fell und sind sehr sozial – kein Wunder, dass viele Menschen ihr Herz an sie verlieren. Während sie früher jahrhundertelang für ihren einzigartig weichen Pelz gejagt und gezüchtet wurden, gelten die aus Südamerika stammenden Nager seit den 1980er-Jahren als beliebte Haustiere. Doch was viele unterschätzen: Die Haltung von Chinchillas ist besonders anspruchsvoll. Und so kommt es oft vor, dass sie in Tierheimen abgegeben oder ausgesetzt werden. Die Tierfreunde Münster, ein Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes, haben im Laufe der vergangenen rund 20 Jahre reichlich Erfahrung mit diesen Tieren gesammelt und zahlreiche erfolgreich an liebevolle Besitzer*innen vermittelt.

Vermittlung ist nicht immer leicht

Mariette Junker war früher Tierheimleiterin sowie Vorsitzende des Vereins und hat heute als ehrenamtliche Chinchilla-Expertin ein genaues Auge für die Bedürfnisse ihrer Schützlinge. „Wir erhalten viele Anfragen für unsere Chinchillas“, berichtet sie. Das liege unter anderem daran, dass einige Interessent*innen sich „ein besonderes Haustier“ wünschen und die Vermittlungsgebühr beim Tierheim wesentlich günstiger ist als bei Züchter*innen. „Uns ist es aber natürlich auch sehr wichtig, dass die Tiere dauerhaft in einem guten neuen Zuhause unterkommen. Daher achten wir sehr streng darauf, ob potenzielle Halter*innen die wichtigsten Voraussetzungen erfüllen, und bieten ihnen vorab eine umfangreiche Beratung.“ Ein häufiger Abgabegrund sei zum Beispiel der Umstand, dass Chinchillas, anders als andere kleine Heimtiere wie Kaninchen oder Meerschweinchen, mehr als 20 Jahre alt werden können. „Das muss man natürlich bedenken. Ebenso ist es wichtig, eine Vertretung zu haben, wenn man selbst zum Beispiel im Urlaub oder krank ist“, so Junker.

„Tatsächlich sind die im Handel erhältlichen Gehege meist ungeeignet für Chinchillas, da sie ihnen nicht ausreichend Platz bieten“

– Mariette Junker

Für die von ihm betreuten Chinchillas wünscht sich der Verein Tierfreunde Münster Halter*innen, die bereit sind, sich Fachkenntnisse anzueignen und den nachtaktiven Nagern ein Zuhause mit genügend Platz sowie abwechslungsreichen Kletter- und Versteckmöglichkeiten zu bieten.

Ein weiteres Kriterium ist die richtige Unterkunft für die nachtaktiven Nager. „Tatsächlich sind die im Handel erhältlichen Gehege meist ungeeignet für Chinchillas, da sie ihnen nicht ausreichend Platz bieten“, sagt Junker. „Zwar schlafen die Tiere tagsüber die meiste Zeit und haben nur zwischendurch Wachphasen, aber ab dem frühen Abend brauchen sie sehr viel Bewegung.“ Der Deutsche Tierschutzbund empfiehlt daher für zwei Chinchillas eine Gehegegröße von mindestens 200 x 100 Zentimetern und einer Höhe von etwa 150 Zentimetern. Dabei ist es allerdings wichtig, mehrere Ebenen auf unterschiedlichen Höhen anzubringen, damit die kletterfreudigen Tiere nicht zu tief stürzen und sich verletzen können. In freier Natur springen sie nicht höher als einen Meter. Ebenso sollten Halter*innen darauf achten, dass ein Gehege viele Kletter- sowie Versteckmöglichkeiten bietet und es ausbruchssicher ist, denn: „Sie finden alle Schwachstellen“, sagt Junker mit einem Lachen.

Hilfe bei der Partnersuche

Was zudem besonderes Fingerspitzengefühl erfordert, ist die Vergesellschaftung der Nager. Chinchillas sind sehr soziale Tiere und sollten nicht einzeln gehalten werden. Passende Partnertiere zu finden, sei aber nicht immer so einfach, da sie auch sehr ruppig werden können, wenn die gegenseitige Sympathie eher gering ist, weiß Junker. „Für Anfänger*innen ist eine Gruppe aus zwei Weibchen und einem kastrierten Böckchen ideal. Bevor die Chinchillas vermittelt werden, unterstützen wir dabei, sie aneinander zu gewöhnen – auch wenn etwa Halter*innen bereits ein Chinchilla haben und auf der Suche nach einem Gefährten sind, da zum Beispiel ein anderes Tier aus der Gruppe verstorben ist.“

Nicht zu unterschätzen sind laut Junker auch die Kosten, beispielsweise für das Futter und die tierärztliche Versorgung, die die Tierfreunde Münster unter anderem mithilfe von Patenschaften stemmen. „Chinchillas ernähren sich hauptsächlich von hochwertigem Heu, Trockenkräutern und Blüten, was im Handel nicht sonderlich günstig ist.“ Auch die tierärztlichen Kosten können beispielsweise bei Zahnbehandlungen ins Geld gehen. Mit Blick auf die medizinische Versorgung empfiehlt Junker angehenden Halter*innen generell, eine Tierärztin oder einen Tierarzt zu suchen, die*der sich auch wirklich mit dieser Tierart auskennt.

Gegenseitige Unterstützung

All das sind Punkte, die nicht nur Halter*innen, sondern bundesweit auch Tierheime vor Herausforderungen stellen. Die Tierfreunde Münster haben es sich daher auch zur Aufgabe gemacht, andere Einrichtungen zu unterstützen, und stehen ihnen bei Fragen rund um die Haltung und Versorgung von Chinchillas beratend zur Seite. „Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben wir uns immer mehr Wissen über diese Tierart angeeignet, das wir auch gerne weitergeben“, betont Junker. „Wir sind gut vernetzt und sehen uns nicht als Konkurrenten.“ Sie selbst liebt Chinchillas, seit die erste Dreiergruppe Anfang der 2000er ins Tierheim Münster kam. „Es sind einfach ganz tolle Tiere – nicht nur weil sie sehr niedlich sind und vielfältige Fellfarben haben, sondern zum Beispiel auch, weil sie immer neugierig sind und sehr zutraulich werden können.“ Als neue Besitzer*innen für ihre Schützlinge wünscht sie sich vor allem Menschen, die bereit sind, sich Fachkenntnisse anzueignen und ihnen ein abwechslungsreiches Heim zu bieten: „Platz und Engagement sind die wichtigsten Voraussetzungen.“

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