Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER
Für immer jung sein. Wer hat sich nicht schon für einen kleinen Moment auf diese Träumerei eingelassen? Bei der Lektüre von Peter Pan vielleicht, der Geschichte über einen Jungen, der nie erwachsen wird. Wenn wir Kinder beobachten, die frei von Sorgen einfach im Moment leben, oder sobald es morgens nach dem Aufstehen zwickt und zwackt. Dass die Medizin uns ewige Jugend beschert, werden wir nicht mehr erleben. Der ernsthafte Wunsch, zumindest möglichst lange so auszusehen, scheint jedoch für viele ein passender Plan B. Sie lassen sich Botox unter die Haut spritzen. Das beseitigt Falten vorübergehend oder vermeidet sie vorsorglich, denn sogar viele Menschen unter 30 folgen dem zweifelhaften Trend und veranstalten sogenannte Botox-Partys. Was für sie ein meist harmloser Beauty-Eingriff ist, den sie zur Auffrischung sogar regelmäßig wiederholen, bedeutet für unzählige Mäuse unermessliches Leid. Denn noch immer spielen Tierversuche bei der Herstellung von Botulinumtoxin, so der offizielle Name, eine große Rolle.
Mäuse sterben oder werden getötetBotox gilt als das stärkste bekannte Gift und hemmt die Signale zwischen Nerv und Muskel, sodass es zu Muskellähmungen kommt. Medizinisch lassen sich mit dem Mittel Muskelkrämpfe, Schiefhals, Lidzuckungen oder Schielen behandeln. Durch Botox ausgelöste Lähmungen bestimmter Gesichtsmuskeln glätten aber auch die Haut an Stirn, Hals, Mund und Augen. „Bei der Produktion kann die Stärke des Gifts von Charge zu Charge schwanken und genau da beginnt die Qual der Mäuse“, berichtet Jessica Rosolowski, Referentin für Tierversuchsfreie Wissenschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Es ist Vorschrift, alle Chargen der Botoxprodukte auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit zu testen. Dafür ist der LD50-Test vielerorts gängige Praxis – und höchstgrausam. Denn LD steht für letale, also tödliche Dosis. „Mit seiner Hilfe ermitteln die Hersteller*innen, welche Dosis des Gifts die Hälfte der Tiere tötet. Dazu spritzen sie Mäusen Botox in die Bauchhöhle“, erklärt Rosolowski. Was folgt, sind Krämpfe, Sehstörungen oder Lähmungen. Tiere, die eine hohe Dosis erhalten, können nach wenigen Stunden nicht mehr laufen, weil ihr Unterkörper gelähmt ist. Sie leiden unter Atemnot und viele Mäuse ersticken. Andere können bald nicht mehr selbstständig fressen oder trinken. Kleine Nagetiere überleben unter diesen Bedingungen nicht lange.
schildert die Expertin. „Es ist nicht zu akzeptieren, dass fühlende Lebewesen einen qualvollen Tod sterben, nur, weil Menschen einem fragwürdigen Schönheitsideal hinterhereifern und für ihre Eitelkeit Tierleid unwissend oder billigend in Kauf nehmen.“
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Je mehr Chargen Botox die Industrie produziert, desto mehr der schwer belastenden Tierversuche führt sie durch. „Dabei spielt es auch keine Rolle, dass mindestens die Hälfte ausschließlich für kosmetische Zwecke bestimmt sind. Selbst für diesen Anteil der Produktion greift die EU-Kosmetikrichtlinie samt des zugehörigen Tierversuchsverbots nicht“, sagt Rosolowski. Denn Botox wird bei den Schönheitseingriffen eben gespritzt und nicht aufgetragen. Darum gilt es selbst bei der Faltenbehandlung als Medikament. Dennoch gibt es Hoffnung. Die Proteste von Verbraucher*innen und Tierschützer*innen haben Wirkung gezeigt. Ihretwegen und aufgrund der hohen Kosten des LD50-Tests, der zudem – Mäuse sind nun einmal keine Menschen – oftmals unzuverlässig ist, haben erste Hersteller*innen tierversuchsfreie Testmethoden entwickelt, um ihre Produkte zu überprüfen. Die erste Zulassung gab es bereits 2011. „Sie nutzen hauptsächlich menschliche Zellen, die im Labor gezüchtet werden. Dabei muss keine Maus sterben und dank der verwendeten Nervenzellen sind die Ergebnisse auch direkt auf den Menschen übertragbar.“ Einige große Unternehmen streichen bei der Botoxproduktion inzwischen bis zu 95 Prozent der Tierversuche und ersetzen sie in den meisten ihrer Produktionsschritte durch behördlich anerkannte zellbasierte Methoden. Die verbliebenen Tierversuche wenden sie beispielsweise an, wenn sie ihre Produkte im Ausland vermarkten wollen. So genehmigte die zuständige Behörde in Irland, das Land ist Marktführer bei Botulinumtoxin-Produkten, allein in 2024 insgesamt 36.806 Mäuse für Tierversuche zu diesem Zwecke zu verwenden. In Deutschland hat es seit 2022 keine genehmigten Versuche an Mäusen für die Produktion des Mittels mehr gegeben. Im Jahr davor waren es noch 22.440. Wo deutsche Hersteller*innen wie Merz ihre Tests stattdessen mittlerweile durchführen, ist unbekannt. Und es bleibt ein weiteres großes Aber: „Es gibt noch kein universelles Verfahren, das behördlich anerkannt ist und das alle Hersteller*innen nutzen könnten“, so Rosolowski. Weil alle Botox-Produkte unterschiedlich sind, können die zugelassenen Tests eines Unternehmens nicht ohne weiteres für andere funktionieren.
Solange alle Produzent*innen ihre eigenen tierversuchsfreien Methoden entwickeln, prüfen und von den Behörden anerkennen lassen müssen, entstehen hohe Kosten. Und vor allem vergeht viel Zeit – in der Tag für Tag Mäuse in Laboren qualvoll sterben. „In den letzten Jahren gab es große Fortschritte bei der Entwicklung von zellbasierten Testmethoden. Damit daraus letztlich aber auch möglichst schnell ein universelles, wissenschaftlich anerkanntes und behördlich zugelassenes Verfahren wird, fehlt bislang die Finanzierung“, erläutert Rosolowski. Darum appelliert sie an die Europäische Union, entsprechende Fördermittel bereitzustellen. Der Deutsche Tierschutzbund fordert die Pharmaunternehmen und Behörden auf, zielgerichtet zusammenzuarbeiten. Solange die Hersteller*innen weltweit jedoch nicht alle Tierversuche vollständig durch zeitgemäße Verfahren ersetzt haben,
müssen Tierversuche für kosmetisch genutzte Botox-Produkte untersagt werden. „Falls dies nicht umsetzbar ist, fordern wir die EU auf, die Vermarktung dieser Produkte für die Faltenbehandlung zu verbieten.“ Denn jede Maus, die zum Opfer unserer Eitelkeit wird, ist eine zu viel. Und sind unsere charakteristischen Fältchen nicht eigentlich charmant und es wert, gepflegt zu werden – erst recht, wenn sie Tierleid verhindern?