Berlin – Rund 700.000 Kälber transportiert die deutsche Milchwirtschaft Jahr für Jahr in die Niederlande, wo Großmastanlagen die Tiere unter katastrophalen Haltungsbedingungen kostengünstig hochmästen. Das Fleisch von etwa 850.000 Tieren landet anschließend wieder im deutschen Handel. Diese Zahlen hat das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ kürzlich in einer Recherche veröffentlicht. Das System ist längst bekannt, seit Jahren exportiert die heimische Branche Kälber ins Ausland. Grund dafür ist die erbarmungslose Logik der Milcherzeugung selbst, in der männliche Kälber als wirtschaftlich wertloses „Nebenprodukt“ gelten – und auch als solches behandelt werden.
Vernachlässigt ab der Geburt
In Deutschland leben rund 3,6 Millionen Milchkühe in der Landwirtschaft. Damit sie Milch geben, müssen sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Während die Betriebe die weiblichen Jungtiere als künftige Milchkühe großziehen, bringen die männlichen kaum etwas ein: Auf reine Milchleistung gezüchtet, setzen sie wenig Fleisch an, ihr Marktpreis deckt oft nicht einmal die Aufzuchtkosten. Das hat dramatische Folgen für die Tiere: Rund jedes zehnte Kalb stirbt schon in den ersten Lebenswochen, was rund 390 000 toten Kälbern jährlich entspricht. Bei männlichen Nachkommen der hierzulande am häufigsten eingesetzten Hochleistungsrasse Holstein-Friesian liegt die Sterblichkeit mit etwa 13 Prozent fast doppelt so hoch wie bei weiblichen. Fast alle dieser Todesfälle gehen auf fehlende Fürsorge seitens des Betriebspersonals zurück. Die Kälber, die überleben, werden so schnell wie möglich weiterverkauft. Schon mit 28 Tagen dürfen sie transportiert werden, obwohl sie in diesem Alter noch auf Milch angewiesen sind und kaum Immunabwehr besitzen. „Männliche Milchkälber kommen in einem Wirtschaftssystem zur Welt, in dem sie schlicht nicht vorgesehen sind“, sagt Dr. Melanie Dopfer, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. „Die Folge ist eine systematische Vernachlässigung – und die Absicht, sie noch möglichst gewinnbringend irgendwo loszuwerden. Hauptabnehmer sind die Niederlande, die sich auf dieses gewissenlose Geschäftsmodell spezialisiert haben und die ohnehin schwache EU-Kälberrichtlinie nur minimal umsetzen oder sogar illegal unterschreiten.“
Was sich ändern muss
Aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes braucht es eine grundlegende Wende in der Milcherzeugung: Statt hochspezialisierter Milchrassen sollten Betriebe Zweinutzungsrassen einsetzen, die weniger stark auf eine einzige Leistungseigenschaft spezialisiert sind. Auch längere Abstände zwischen den Trächtigkeiten einer Kuh würden die Zahl der geborenen Kälber von vornherein verringern. Werden männliche Kälber gemästet, sollte das möglichst auf dem Geburtsbetrieb oder bei einem regionalen Mäster geschehen, damit lange Transporte überflüssig werden. „Das Bundeslandwirtschaftsministerium muss endlich politische Anreize setzen, damit die Branche umsteuert“, betont Dopfer. „Solange das System auf maximale Milchmenge zu minimalen Kosten getrimmt bleibt, werden Hunderttausende männliche Kälber Jahr für Jahr weiter leiden und sterben.“ Verbraucher*innen helfen am wirksamsten, indem sie weniger Milch- und Kalbfleischprodukte konsumieren oder ganz auf pflanzliche Alternativen umsteigen. Wer tierische Produkte kaufen möchte, sucht am besten gezielt nach regionalen Marken mit hohen Tierschutzstandards in der Haltung oder Direktvermarktung mit nachvollziehbar tiergerechter Aufzucht und Mast vor Ort.
(Symbolbild: Unsplash – Jason Hawke (Kalb))




